Jeder kann sich für Decken erwärmen. Decken halten den
Körper und die Seele warm. Dafür steht „Blankets“, der Titel
des dritten Albums von Balloon Pilot: für Musik, die den Hörer
beruhigt, tröstet, das Gefühl gibt, zur richtigen Zeit am richtigen
Ort zu sein. Auch Matze Brustmann, Drehpunkt dieses Band-
gewordenen Freundeskreises, kuschelt sich gerne in die Musik
ein. Kein Tag, an dem er nicht auf seiner Couch zur Gitarre
greift oder auf langen Autofahrten singt. Er driftet gerne ab,
meistens hin zu seinen Melodien. Er spürt aber auch, dass sich
auf Dauer nicht jedes innere Frösteln verhüllen lässt. Dass
Decke über Decke über Decke beengt, erdrückt und festhält, was
fließen, aufsteigen und sich lösen möchte. Dann wird der
Songwriter zum Ent-Decker. Wie in der berührenden Single, aus
der er den Albumtitel extrahiert hat: „Blankets Over
Blankets“. Da zieht der Sänger sich die Seelenpflaster ab, die
das Blut am Strömen hindern: „Blankets over blankets wrapping
the heart to keep it warm, but I’m wondering will it ever be
unwrapped from the bandage stopping the blood from rushing“.
Manchmal sind die Stücke von Balloon Pilot eine Heizdecke,
manchmal sind sie die Herzdruckmassage. Der Hörer spürt
jedenfalls unmittelbar, dass da jemand für ihn sorgt. Das liegt
auch daran, wie fein das Rettungsteam aufeinander eingestimmt
ist. Die Freunde spielen seit Schulzeiten zusammen, in diversen
Bands und Orchestern Indiepop, Punk, Reggae, Rock und Jazz.
Auch wenn sie längst weit verstreut leben und einige Karriere
gemacht haben wie zum Beispiel Andi Haberl als einer der
gefragtesten Schlagzeuger des Landes (The Notwist,Johannes
Enders, Andromeda Mega Express Orchestra, Klaus Doldinger),
so verbinden sie sich bei Balloon Pilot wieder zu einem leisen
bunten Riesen am deutschen Pop-Himmel. „Einfach zum
Genießen“, sagt Mehmet Scholl, Fußball- und Pop-Experte und
ein Chef des Labels Millaphon, stolz über seine „Jungs aus
München“.
Der Steuermann an Bord ist Matze Brustmann. Er singt, spielt
E- und Akustikgitarre, Mellotron und Wurtlitzer-Piano. Für
die konzentrierte Produktion hat er sich in eine alte Schmiede im
Bayerischen Wald zurückgezogen. Geholfen hat ihm erstmals an
den Reglern, am Keyboard und mit der Geige Nico Sierig, eine
Hälfe des Avantgarde-Duos Joasinho und Sound-Magier der
Neo-Folkband Angela Aux. Ebenso wie der neue Erste Bassist
Jacob Ford (Me and Marie, Claudia Koreck, Jacob Bruckner),
ist er eine Bereicherung für das Kollektiv um die bewährten
Kräfte Benni Schäfer (Bass), Andi Haberl (Schlagzeug,
Glockenspiel, Drummachine), Tobias Koark-Haberl
(Keyboard) und Christian Radojewski (Gitarre). Gerade bei

Konzerten ist dieses Miteinander wie ein Wiedersehen mit
alten Kumpels: Inspirierend und aufwühlend, und doch vertraut
und beruhigend.
Neue Namen kommen bei „Blankets“ ins Spiel. Matthias
Brustmann hat sich unter der Lieblingsdecke Elliott Smith
hevorgeräkelt um andere Künstler, die er mag, zu ertasten, neue
Inspiration zu finden. Einen Arm hat er zu den entschnulzten
Schnulzen von Tom Waits hinübergestreckt, den anderen zum
Genie eines Peter Gabriel, eine Hand wagt sich zur Düsternis
von Feist vor, die andere zu jungen Folk-Stars wie Andy Shauf,
Mac DeMarco und Grizzly Bear. Und doch sind alle zehn
Stücke ganz Matthias Brustmann, sein Leben, seine Passion. Er
teilt seine zarte Liebe für die junge Familie und die einjährige
Tochter („You’ll Be A Part Of Mine“) ebenso wie ein
Entsetzen über den grassierenden Populismus: In „Light
Headed“ empört sich Brustmann über das derbe Geschrei der
Hitzköpfe in der Politik und in den Medien, und wahrt selbst
den feinen Ton. Inspirationquelle ist auch sein zweites Leben
als Weltklasse-Kajakfahrer, der sich in haushohe Abgründe
stürzt. In „What Happend“ tauchen alte Schockbilder auf vom
Tod seines Cousins vor vielen Jahren: Die Schlucht, in die sie
voller Freude paddelten, und das Ende, als er dem Ertrunkenen
nicht helfen konnte: „And then you went down / just sunk in
and drowned / and I couldn’t lift you off the ground / just like a
stone.“ Und doch paddelt er weiter, wegen dieses Gefühls am
Fluss, zu hören und spüren in diesem Zaubersong
„Here Goes My Sleep“. Das Gefühl, das länger bleibt, das ihn
antreibt, das ihn nachts wachhält, auf angenehme Weise, ein
spiritueller Moment irgendwo da draußen.
Das Drinnen ist die Musik. Für die steht in „Midnight Blue“ ein
Häuschen irgendwo da draussen, in dem die alten Rohre vor sich
hinpfeifen und die junge Familie dazu singt. Hier ist es
gemütlich, gerade weil die Farbe abblättert, die Mäuse an der
Tapete nagen, man durch ein Loch im Dach die Sterne sieht und
der Wind durch die Ritzen pfeift. Gut, da kann eine dicke Decke
nicht schaden.



Mittwoch
5.
Februar '20
Eventinfos
Eventgenre: Folk
Begin: 2030
Open: 1800
Bandinfos
Genre: Folk
Country: Germany,