Wer originellen, frischen, lyrischen, aber dennoch ziemlich schwungvollen Klavier-Trio-Jazz mag, liegt mit diesen drei Jungs goldrichtig. Christoph Giese, Jazzthing
„Große Vorzüge schlägt dieses Ensemble vor allem aus der Weglassung. Der Eindruck einer fein austarierten Akkuratesse ist ganz und gar nicht gleichbedeutend mit Unterkühltheit. Grandios.“
Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau
Weblinks

Angeschaut

Angespielt

Yuriy Sych – Piano, Synthesizers
Tim Roth – Bass, Sound Effects
Martin Standke – Drums, Samples, Percussion

Die Erde bebt und der Einschlag des Raumschiffs hinterlässt einen
11,2358 Meter tiefen und dampfenden Krater. Sie setzt ich auf die Trü
mmer des Wracks und raucht eine Zigarette, bevor sie sich auf den Weg
in die gold glühende City macht.
Links von ihr fliesst der Main. Rechts von ihr flüchten die Hasen
aufgeschreckt von ihren schnellen Schritten, Haken schlagend, in ein
Gebüsch. Über ihr der klare Sternenhimmel, aus dem sie gerade ge
fallen
ist. Auf der anderen Seite des Flusses erstreckt sich die Skyline, formiert
aus leuchtenden Hochhäusern, die wie Lautstärkepegel in die Nacht
ausschlagen.
Beim Überqueren des Eisernen Stegs schwankt er unter ihr behaglich im
WIND. Man hört wohl niemals das gleiche Lied, denkt sie, so wie man
niemals in den gleichen Fluss steigt.
LIGHTS spiegeln sich in seiner Oberfläche und werden von Wellen zu
Kräuseln verzerrt. Nach einer Weile erkennt man einen Rhythmus, etwas
permanent Wiederkehrendes in den Wellen. Ein Urrhythmus, dem man
vertrauen kann. Eine Sprache, die man überall im Universum versteht.
Es gab mal eine Zeit, wo es noch keine Worte gab, für das alles hier. Wo
das einfach so passierte, und man war mitten drin, schaute zu und hatte
irgendwelche Gedanken dabei, aber keine Worte.
1
Alles wird immer elaborierter. Musik wird immer besser. Musik war noch
nie so gut wie jetzt. In diesem Augenblick, in genau diesem Moment und
was da alles noch kommen wird.
Eine zum Schriftzug geschwungene Neonstoffröhre flackert von weitem
im ¾ Takt. Durch die Tür unter dem leuchtenden Buchstaben betritt sie
die Bar und das Klacken ihrer Schritte klingt dumpfer und tiefer auf
diesem Bodenbelag, bis es an der Theke ganz verstummt. Sie setzt sich
auf einen mit Leder gepolsterten Barhocker und ruft mit einer Handgeste
den Barkeeper heran.
Die Band spielt Musik:
Sie musizieren mit einer lässigen Attitüde. Cool einfach. Alles haarfein
abgezirkelt. Jede expressive Getriebenheit scheint nachgerade penibel
sorgfältig getilgt. Ein Mont Blanc der Elaboriertheit. Einesteils. Aseptisch
ist das wiederum nicht, denn zugleich auch, und das ist bei ihnen
fabelhafterweise kein Widerspruch, verströmen sie eine beherzte
Spiellaune.
Zumindest untergründig schwingt allweil ein Groove mit. Latent, aber
eben auch bloß latent, könnte das mithin Tanzmusik sein. Denn so ü
berschaubar, so zugänglich sie sein mag, sie ist zugleich kunstvoll
 vertrackt.
(...)Es gibt zwar stetig bemessene Spannen der Exposition einer
einzelnen Stimme, nicht aber ein Solospiel im herkömmlichen Stil. (...)In
einen furiosen musikalischen Strom wandelt sich das Klangbild ständig,
mit einem diszipliniert-wachen Formbewusstsein.
2
WHAT`S NEXT?
fragt der Pianist in die Runde und wendet sich einem
Prophet 08 Synthesizer zu, um diesen zu bedienen. Dieser Sound klingt
dann doch irgendwie vertraut, fast wie zu Hause. Die Musik mischt sich
mit den melancholischen Rufen eines Kuckucks, die mit dem grauenden
Morgen durch das gekippte Fenster dringen. Die Band spielt HEY BIRD
und singt dazu im Chor, 156,1117 bpm. Die Klangmelange packt sie
wattig ein und lässt Erinnerungen an ihr Lichtjahre entferntes Zuhause
aufkommen. Sie muss an ihre Kollegen Ijon Tichy und Sun Ra und ihre
Reisen denken. Sun Ra, der immer das Bewusstsein verlor, wenn er in
eine andere Dimension vordrang und der mit ihr die Liebe zur Musik teilt.
Sie wünschte, er wäre hier und könnte diesen Morgen mit ihr teilen. Sie
würden fachsimpeln, während sie auf den Barhockern im Takt hin und her
kippeln.
Der Kontrabass klingt durch die Bearbeitung mit Filtern oft wie ein
elektronisches Musikinstrument und steht ungewohnt oft im Vordergrund.
In dieser Kombination mit den akkurat gespielten Drums scheint die
Musik zwischen unterschiedlichen elektronischen Musikgenres,
klassischem Jazz bis hin zu rockigen Passagen hin und her zu fliegen,
wie sie gerade eben noch mit ihrem Raumschiff. Immer wieder entwickelt
einer der Musiker auf der Bühne ein Rhythmus, eine Melodie oder eine
Idee, die dann langsam von den beiden Kollegen aufgegriffen und
weiter
bearbeitet wird. Sowohl eigenständig als auch perfekt eingespielt wirken
die Musiker, wie die Besatzung eines Raumschiffs, das sicher durch das
Weltall manövriert wird.
Der Barkeeper weiß zu berichten, dass die Band des öfteren für
Inszenierungen des sich in direkter Nachbarschaft befindlichen Theaters
komponiert und spielt. Eine verjazzte Version einer Wagner Interpretation
soll wohl für Aufsehen gesorgt haben erinnert er sich. Auch wird
gemunkelt, dass sie 2016 den Hessischen Jazzpreis bekommen sollen.
Sie nippt am Glas und schmeckt das Gin/Vermuth Verhältnis 8,5321 zu 1
heraus. Ein trockener Martini.

1
Rave, Rainald Goetz, 1998

2
Stefan Michalzik, Frankfurter Rundschau, 24.07.2016
 
Text von Johannes Büttner

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